Als wir die Posa dei morti erreichen, wird uns richtig bewusst, welche Anstrengung es für die Walser gewesen sein musste, ihre Toten von Campello Monti bis nach Rimella zu tragen! Unterhalb der Posa folgt man nicht dem Wegweiser „antiche case“ nach rechts, sondern geht links hinunter zur Fahrstraße, der man ein Stück (nach rechts) folgt, bis linker Hand eine Treppe zu einem Steig führt (Markierung auf der obersten Treppenstufe und am Felsen rechts der Straße auf Höhe der Abzweigung), der uns an der Kirche und dem Postamt von Rimella vorbei zum Albergo Leone führt. Das Albergo ist auf jeden Fall nicht zu verfehlen, wenn man sich an dem seit dem Mittelalter an der Terrase des Albergo aufgestellten gelben Baukran (O-Ton Jörg Klingenfuss) orientiert.
Da die Etappe zum Einlaufen erfreulich kurz war, haben wir am Nachmittag reichlich Zeit, Rimella und die Umgebung zu besichtigen. Auf unserem Gang durch Rimella sehen wir auf dem großen Parkplatz auch den Versorgungshubschrauber „geparkt“, die Crew ist im Albergo Leone beim Mittagessen. Als der Pilot vorbeikommt, will er uns gleich mit seinem Heli für 100 € nach Alagna mitnehmen. Sahen wir wirklich nach unserer ersten Halbetappe schon so fertig aus ? ;-)
Das Albergo Leone ist ein wunderbares Kleinod, ein Familienbetrieb par excellence!
Fotos vom Albergo Fontana
Das hervorragende regionaltypische Essen war einsame Spitze! Selbst für mich als Neu-Zöliakie-Patient gab es nicht die geringsten Probleme: als ich auf mein „Problem“ hinwies, antwortete mir die Tochter des Hauses: „kein Problem, das kennen wir schon. Die Mama wird Ihnen etwas Passendes zubereiten! Oder sagen Sie, was Sie wünschen, und wir machen das!“
Sollte das Albergo Leone belegt sein, bietet sich im Ortsteil San Gottardo von Rimella auch das Rifugio Walser an:
Homepage rifugiowalser San Gottardo
Das Ristorante bietet laut Homepage sogar glutenfreie Kost (senza glutine) an!
Ristorante des rifugiowalser
Etappe 4:
Der nächste Tag führt uns zuerst ein Stück hinunter auf der Asphaltstraße bis zur großen Kehre, an der der Steig nach Roncaccio abzweigt und an der auch die Materialseilbahnen nach Roncaccio ihre Beladestationen haben.
Von der Materialseilbahn führt der Pfad – zunächst vorbei an einer kleinen Kapelle - hinunter zur Brücke über den Bach. Danach zieht sich der Weg wieder etwas schweißtreibend hinauf zu den nur teilweise bewohnten Häusern von Roncaccio inferiore und superiore. Nun geht es durch mehrere Tobel immer wieder auf und ab. Als wir endlich den Waldrand erreichen, sind wir bereits kurz vor der Anhöhe von La Res und müssen nur noch über ein Stück Wiese bis zu den Häusern marschieren. Auf dem gesamten Weg von Rimella ist uns nicht ein einziger Wanderer begegnet, doch La Res ist reichlich bevölkert: am heutigen Sonntag sind zahlreiche Italiener vom nahen Belvedere zum Picknick heraufgekommen. Wegen der Menschenansammlung und weil es auf der Anhöhe etwas zugig ist, gönnen wir uns nur ein paar Schlucke aus dem Brunnen und folgen der GTA-Markierung leicht links haltend auf sehr gutem Weg bis hinunter bis nach Belvedere. Direkt vor dem ersten Haus folgen wir dem ebenfalls nicht zu verfehlenden Weg nach rechts. Nach kurzer Zeit – wir sind an der im Bätzing-Führer genannten Kapelle von San Antonio noch nicht vorbeigekommen - treffen wir in einem Waldstück auf eine rot-weiß-rote Markierung mit einem handgemalten Wegweiser „San Antonio / Santa Maria“, der nach links weist. Wir sind etwas ratlos, weil dieser Weg ebenso wie der, den wir von Belvedere gekommen sind, in der IGC-Karte nicht eingezeichnet sind. Schließlich gehen wir aber die gewiesene Richtung, folgen aber nicht dem nach rechts gehenden Pfad (wir vermuten, dass dieser zur Kapelle führt), sondern halten uns links, wo wir bald den Waldrand erreichen. Vorbei an einem versperrten Haus (ehemalige Almhütte?) kommen wir über eine schmale, aber gut sichtbare Steigspur zur Straße bei Boco superiore, die hier am Parkplatz endet. Rechts führt ein Fußweg weiter, an dem bereits das Ortsschild „Boco superiore“ steht. Leicht bergab gehend erreichen wir die ersten Häuser von Boco und laufen immer am unteren Ortsrand entlang, bis links ein Weg über Steinstufen abzweigt. Dieser Weg führt direkt nach Rima, das wir durchqueren und an dessen unteren Ende wir die Asphaltstraße erreichen. Das Etappenziel ist nun nahe: auf der Straße gehen wir ein kurzes Stück nach rechts, folgen in der Linkskehre aber nicht der Abzweigung nach Santa Maria, sondern laufen auf der Hauptstraße weiter in den Ort hinein. Etwa in der Ortsmitte ist die Abzweigung nach Roy gut beschildert und so kommen wir nach weiteren ca. 10 Minuten – begleitet von ein paar neugierigen Ziegen – in Roy an.
Die Latteria, in der der neue posto tappa untergebracht ist, ist versperrt, doch wir saßen nur kurz auf der Terrasse vor der Latteria, als ein Mann vom Nebenhaus vorbeikommt und uns sofort die Betreuerin des posto herbei holt. Wir werden in ein kleines, aber neu hergerichtetes Doppelzimmer im Dachgeschoss mit schönem Bad geführt, die Dame des Hauses telefoniert auch gleich mit dem Agriturismo am oberen Ende des Dorfes, um uns ein Abendessen zu bestellen.
Ich laufe am Nachmittag noch hoch zum Agriturismo, um ein glutenfreies Essen zu bekommen und auch diesmal ist es kein Problem und die Chefin kocht uns am Abend ein feines Käserisotto senza glutine (lecker!).
In Roy wohnen nach Angaben der Posto-tappa-Betreiberin nicht mal 20 Leute. Es sind aber mehrere Häuser bereits renoviert, an einem wird gewerkelt, jedoch insbesondere das größte Haus rechts neben dem posto tappa ist noch dem Verfall preisgegeben.
Etappe 5:
Am nächsten Morgen bereitet uns die sehr freundliche Vermieterin in der geräumigeren Ferienwohnung im ersten Stock ein Frühstück zu. Glutenfreies Brot darf man in der Abgeschiedenheit der piemontesischen Täler natürlich nicht erwarten, daher sollte man als Zöli sein Frühstücksbrot dabei haben. Ich habe sehr gute Erfahrungen mit dem eingedosten Brot der Minderleinsmühle gemacht, in der Dose ist das Brot auch gut vor dem Zerbröseln geschützt.
Nach den beiden Kurzetappen der Vortage steht heute die erste Voll-Etappe an. Zuerst laufen wir von Roy auf demselben Weg wie gestern hinunter zur Kehre mit der Abzweigung nach Santa Maria. Am Morgen belastet die Asphaltstraße die Füße noch nicht sonderlich, auch die Steigung ist sehr gering. Vor dem Posto tappa in Santa Maria grüßt uns der „berüchtigte“ Signore Bossi. Eine GTA-Wanderin, die dieselbe Strecke wie wir wenige Wochen nach uns gewandert ist, hat bei Bossi übernachtet. Sie war begeistert insbesondere vom sehr guten, umfangreichen und sehr billigen Essen bei Signore Bossi und konnte die im Internet geübte Kritik nur insoweit nachvollziehen, als die Sauberkeit nicht ganz dem deutschen Standard entsprach.
Vor den (wenigen) Häusern von Campo folgen wir dem handgeschriebenen Wegweiser „Baranca“. Der weitere Weg zur Alpe Baranca wurde offensichtlich erst kurz vorher frei geschnitten und war deshalb in einem Top-Zustand! Die Alpe Baranca ist noch verlassen, der gute alte rostige Seecontainer liegt immer noch hinter der Alpini-Kapelle! ;-)) Der Weg zieht sich nun am Hang links des Baranca-Wasserfalls hinauf. Oben am Sattel, an dem der Wasserfall vom Lago di Baranca abfließt, kommt von links ein Bach herunter, der noch von einem Schneefeld bedeckt ist. Mir ist etwas mulmig, weil man nicht sieht, wie dick die Schneedecke über dem Hohlraum des Bachbettes ist. Wir wagen trotzdem die direkte Querung, weil eine Umgehung des Schneefeldes an dessen oberen Ende das Überwinden eines relativen steilen, matschigen Hanges erfordert hätte. Als wir auch die teilweise eingebrochene Brücke am Abfluss des Lago Branca überwunden haben, genießen wir trotz des mäßigen Wetters erst einmal den Blick über den Talkessel und hinauf zur Alpe Sella. Meinen Mitwanderer, der erst kürzlich in Schottland war, erinnert die Szenerie – wohl nicht zuletzt wegen des „schottischen“ Wetters - stark an ein schottisches Loch. Auf der Alpe treffen wir insgesamt vier Wanderer, die offensichtlich als Tagesausflügler aus dem Anzasca-Tal herauf gekommen sind.
Der Weg hinauf zum Colle d´Egua zieht sich – wie im Führer angegeben – länger als erwartet hin. Zu allem Unglück beginnt es ca. eine halbe Stunde unterhalb des Colle noch zu regnen. Auf der Passhöhe selbst herrscht bei unserer Ankunft dichter Nebel, so dass wir den viel gerühmten Ausblick auf den Monte Rosa leider abschreiben müssen. Nach einer kurzen Trinkpause reißen die wabernden Nebelschwaden wenigstens soweit auf, dass wir den weiteren Wegverlauf rechts hinunter über das Schneefeld erkennen können. Der Abstieg über die Wiesenhänge – vorbei an der Alpe Sellette - zum Rifugio Boffalora wird mir wohl zeitlebens in Erinnerung bleiben: Trotz über 30-jähriger Bergerfahrung war ich auf dem nassen Terrain nicht aufmerksam genug und machte plötzlich einen Salto den Wiesenhang hinunter. Zum Glück war kein Felsbrocken in der Nähe und so landete ich weich und ohne Schramme und jeglichen Dreckfleck weich in der zum Glück nicht steilen Almwiese. Ein herzliches „Danke schön“ an meinen Schutzengel!
Der Abstieg bis zum Rifugio Boffalora war begleitet von einigen Regenschauern. Doch unterhalb dieser (noch geschlossenen) Alpenvereinshütte kam es noch dicker und es begann ein Wolkenbruch, der uns bis hinunter nach Carcoforo begleitete! Selten war ich so froh eine Etappenunterkunft zu erreichen.
Vor dem Albergo Alpenrose, in dessen Dachgeschoss der posto tappa untergebracht ist, empfangen uns zwei andere deutsche GTA Wanderer. Der eine möchte bis Susa wandern, der andere sogar bis zum Mittelmeer, und das mit Zelt!
Nachdem wir trockene Kleidung angezogen haben, weckt ein Cappuccino wieder unsere Lebensgeister und auch die Sonne blinzelt wieder hervor, als ob nichts gewesen wäre. Der Wetterbericht verkündet für den morgigen Tages nichts Gutes und auch der Salto-Schock steckt mir noch in den Knochen, so dass wir schon mal die Busverbindungen Richtung Varallo auskundschaften.
Etappe 6:
Am nächsten Morgen ist das Wetter zwar ganz passabel, aber der Wetterbericht immer noch miserabel. Ich lasse mich dennoch von meinem Mitwanderer überzeugen und so starten wir relativ früh in Richtung Rima. Zunächst folgen wir vom Großparkplatz aus ohne nennenswerte Steigung der nicht asphaltierten Fahrstraße, bis links der Steig Richtung Colle del Termo abzweigt. Die Markierung wurde offenbar erst vor kurzem erneuert und ist rot-weiß-rot mit der Nummer 112. Auf gut ausgebessertem und jetzt stetig ansteigendem Weg erreichen wir an der Alpe Trasinera Bella das erste Schneefeld dieser Etappe. Auch im weiteren Verlauf hinauf zum Colle del Termo müssen wir noch auf mehreren Schneefeldern laufen, doch zum Glück ist es nicht neblig, so dass wir stets irgendwo eine Markierung entdecken konnten. Kurz unterhalb des Colle del Termo ist der Hang etwas abgerutscht, aber es besteht schon wieder eine schmale Trittspur. Gut, dass es nicht regnet, denn bei Regen dürfte diese Passage recht schlammig und rutschig sein. Oben am Colle empfangen uns wieder die altbekannten Nebelschwaden, so dass wir auch hier nicht lange verweilen. Der Weg hinunter nach Rima ist nun rot-gelb-rot mit der Nummer 93 markiert. Direkt unterhalb des Colle treffen wir auf eine Schafherde, die den Weg entsprechend malträtiert hat. In vielen, vielen Kehren geht es nun über Wiesen und durch den Wald zur Alpe Chiaffera und schließlich nach Rima. Während des Abstiegs nach Rima haben wir bereits längere Zeit auf der gegenüber liegenden Seite des Tals die Hänge der nächsten Etappe vor uns. Der genaue Wegverlauf ist natürlich nicht zu sehen, doch einige sehr große Schneefelder gefallen uns gar nicht. Auf der Terrasse des Albergo Tagliaferro genehmigen wir uns erst einmal die obligatorischen Capuccini und ausgiebig acqua minerale.
Der Wetterbericht sagt Regen und Nebel für den ganzen nächsten Tag voraus, in Verbindung mit den zu erwartenden Schneefeldern entschließen wir uns, die letzte Etappe zu streichen und noch einen Teil des Rückwegs zum Auto in Angriff zu nehmen.
Als der erste Regenschauer des Tages hernieder geht, flüchten wir von der Terrasse des Ristorante auf eine Bank unter einem riesigen Baum in der Nähe der Bushaltestelle unterhalb des Dorfes. Kurz nach 17 Uhr soll der Bus nach Varallo fahren. Um dreiviertel Fünf flachse ich noch über die Pünktlichkeit der italienischen öffentlichen Verkehrsmittel, als der Bus um 20 nach fünf noch immer nicht da ist, werden wir allmählich unruhig. Gegen halb sechs frage ich eine vorbeikommende Bäuerin, ob Sie etwas über den Verbleib des Busses wisse. Sie ist sehr erstaunt, dass der Bus noch nicht da war, er sei immer pünktlich. Nach einer weiteren Viertelstunde fasst sich die Bäuerin, die noch in unserer Nähe auf einer Weide steht, an den Kopf und ruft uns zu:
„Sciopero ! sciopero !“
Jeder Italienurlauber weiß natürlich, was dieses Wort bedeutet – und wir wissen auch, dass wir heute nicht mehr weit kommen werden! Kurzentschlossen entscheiden wir uns, zum Albergo in Rima-San Gottardo hinunterzulaufen. Auch diesmal ist uns der Wettergott nicht wohl gesonnen, denn nach wenigen Minuten beginnt es wieder zu regnen… Als kleinen Trost vernehmen wir aus dem Fernseher in unserem Gasthofzimmer, dass es sich lediglich um einen 24-stündigen Streik handelt und wir am nächsten Morgen wieder mit dem Bus rechnen können.
Der nächste Tag bestätigt uns in unserer Entscheidung, die Tour vorzeitig abzubrechen. Es regnet fast ununterbrochen als wir mit dem Bus über Varallo nach Novara und mit dem Zug weiter nach Omegna fahren.
Fazit:
Weder das nicht gerade berauschende Wetter noch mein Sturz auf dieser Tour werden uns abhalten können, im kommenden Jahr die nächsten Etappen der herrlichen GTA in Angriff zu nehmen ! Der Virus GTA hat uns wieder angesteckt!!